Griechenland

Griechenland

Vor etwa 100 Jahren, als das Humanistische Gymnasium noch das Herzstück des deutschen Bildungswesens war, hatte das Wort Griechenland einen zauberhaften Klang. Es stand für die Antike, für große Philosophen, ja für die Geburtsstätte der Demokratie. Griechenland als Wiege des Sports und der olympischen Spiele. Ein hehres Bild. Und heute? Auch heute steht Griechenland für Superlative. Kein Wort ist in den letzten Jahren in den Nachrichten so häufig vorgekommen wie das Wort Griechenland. Kein Land hat im Vergleich zur Einwohnerzahl so viel Geld verschlungen wie Griechenland.

Und jetzt ist da auch noch eine neue Regierung, die umsetzen will, was sie dem Volk versprochen hat und nicht – noch nicht -, was ihr lüsterne Lobbyisten ins Ort flüstern. In der EU will dieses Land außenpolitisch sogar eigene Wege gehen. Man stelle sich das einmal vor: Da gibt es ein Land, das nicht nach der Pfeife von Merkel und Hollande tanzt, sondern möglicherweise das macht, was viele kluge Leute im Westen schon lange sagen, nämlich, dass die Sanktionen gegen Russland niemandem helfen, sondern die Gräben zwischen West und Ost nur noch vergrößern. Unglaublich. Da macht ein Volk von dem Gebrauch, was als Symbol für westliche Werte steht, nämlich von der Freiheit, in diesem Fall von der Freiheit, einen eigenen Standpunkt zu haben. Und dann vertreten die den auch noch! Na so was.

Selbst wenn Sie jetzt glauben, ich würde mit allem übereinstimmen, was in Griechenland passiert, dem ist nicht so. Ich hätte im Jahr 2010 keinen Schutzschirm aufgespannt. Die Banken, in erster Linie französische und deutsche, haben den Griechen in den Jahren davor Geld gegeben, in der Hoffnung, über die Zinsen möglichst viel Geld zu verdienen.  Es mag durchaus sein, dass bei meiner Variante einige Aktionäre Geld verloren hätten. Verlust ist wie Gewinn ein fester Bestandteil des Kapitalismus. Die Ausrede, dass man Griechenland retten musste, um die Weltwirtschaft vor einem Kollaps zu retten, glaubt nur, wer selbst Aktien in diesen Depots hatte. Ich frage mich, ob es unsere Aufgabe ist, in Griechenland eine funktionierende Verwaltung und ein Steuersystem aufzubauen, das diesen Namen verdient? Nein, das ist es nicht. Wenn die Griechen mit ihrem System leben wollen, bitteschön. Meinetwegen wären die Griechen zur Drachme zurückgekehrt oder hätten zwei Parallelwährungen gehabt. Wie auch immer.

Es ist die Aufgabe der Griechen, für Ordnung zu sorgen, und nicht die Aufgabe vom Rest Europas.  Die letzten fünf Jahre haben gezeigt, dass diese Veränderungen von außen gar nicht erzwungen werden können. Über die Rückzahlung des Zwangskredits, der von den Nazis vor 70 Jahren eingefordert wurde, sollte man diskutieren. Was die Reparationen anbetrifft, sollten sich die Griechen dann doch etwas zurückhalten. Das könnte ein Schlag ins eigene Kontor werden. Man stelle sich mal vor, der Iran würde als legitimer Nachfolger des persischen Reiches Wiedergutmachung für all die Zerstörungen verlangen, die Alexander der Große als ein Weltmeister im Zerstören und Plündern in diesem Land verrichtet hat. Als ich in Persepolis war, fragte ich mich kopfschüttelnd, was das wohl für ein Barbar gewesen sein muss, der diese wunderbare Stadt vernichtet hat. Die Reparationsforderungen würden – man beachte die aufgelaufenen Zinsen – in die Billionen gehen. Zum Abschluss mein Appell: Lasst Griechenland den Griechen! Die neue Regierung wird Wege aus der Krise finden.

Oder haben die westlichen Politiker Angst, dass auch in anderen Staaten Europas Regierungen an die Macht kommen könnten, die nicht mit korrupten Eliten an einem Tisch sitzen? Oder will man am Beispiel Griechenland anderen Völkern vorexerzieren, was einem Land passiert, wenn es nicht nach der Pfeife einiger weniger tanzt? Griechenland ist der Spiegel, in dem sich das wahre Wesen Europas abbildet. Venus und Apollo hätten ihre Probleme damit.

Andreas Angermeir

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