Gebrauchtwerden

Das Gefühl des Gebrauchtwerdens ist sicher eine Hilfe, um mit dem Leben zumindest an der Oberfläche besser zurecht zu kommen. In den Jahren, in denen es mir gesundheitlich wahrlich nicht gut ging, sagte ich mir immer, ich müsste solange durchhalten, solange mich meine Familie braucht. Damit habe ich implizit die Frage nach dem Sinn des Lebens irgendwie verknüpft mit der Annahme, dass das Leben nur dann Sinn macht, wenn ich gebraucht werde.

Ein erstes Gefühl dafür, was es bedeutet, nicht mehr gebraucht zu werden, bekam ich, als die Kinder aus dem Haus gingen und sie selbständig ihr Leben lebten. Das entstandene Vakuum wurde dann sehr schnell wett gemacht durch erhöhte Aktivität, z.B. in Form von Reisen, dem Besuch von Kursen und Seminaren usw. Man ist ja noch in den besten Jahren.

Das nächste Loch, nämlich der Eintritt in den Ruhestand, lässt sich so leicht nicht schließen. Auch hier ist man vielleicht in der ersten Zeit des Ruhestands etwas aktiver als früher, will vieles nachholen, was man versäumt zu haben glaubt.

Wenn man etwas später dann auch als Oma und Opa – und evtl. als ehrenamtlicher Kassierer in einem Verein – ausgedient hat, dann bleibt wirklich nicht mehr viel übrig. Man wird im alltäglichen, umtriebigen Leben tatsächlich nicht mehr gebraucht. Das kann einem schon den Boden unter den Füßen wegziehen. Man ist plötzlich – häufiger wohl schleichend – zurückgeworfen auf sich selbst. Das ist dann die große Bewährungsprobe, die ganz am Ende des Lebens daherkommt.

Jetzt habe ich viel Zeit, über den Sinn des Lebens nachzudenken, da ich viele aktive Äußerlichkeiten nicht mehr habe. Besteht der Sinn des Lebens nun darin, den Alltag am Laufen zu halten, gewissermaßen ähnlich wie ein Zahnrad in einem großen Getriebe, das bei Ausfall schnellstmöglich durch ein neues ersetzt werden kann? Ist das so? Bestand der Sinn des Lebens wirklich nur darin, neuem Leben das Fundament zu bereiten und für das Weiterleben der folgenden Generationen zu sorgen? Wird das Fortschreiben von Leben damit zum einzigen Sinn des Lebens?! In Bezug auf das Ganze gesehen ein sehr nüchterner, aber naturwissenschaftlich berechtigter Ansatz. Der Sinn des einzelnen Menschen geht damit im Erhalt der Gemeinschaft auf?!

Die Tatsache, dass viele Studien belegen, dass gerade das Eingebundensein in ein soziales Netzwerk ein Altern in Gesundheit fördert, zeigt wie hilfreich das Gebrauchtwerden gerade im Alter ist. Es zeigt aber auch, wie schwierig es ist, glücklich sein zu können, ohne gebraucht zu werden. Weshalb ich auf diesem Planeten war, dürfte also auf Grund des natürlichen Ablaufs von Entstehen und Vergehen einfach zu beantworten sein. Weshalb ich noch da bin, ist schon etwas schwieriger zu beantworten. Da steckt übrigens auch die Frage nach wertlosem Leben dahinter. Deshalb hat man zu manchen Zeiten die Alten einfach beseitigt. Wer nicht mehr gebraucht wurde, ging ab in die Kiste.

Aber! Gibt es nicht auch einen ganz individuellen Sinn des Lebens für den einzelnen oder einen über das reine Fortbestehen der Menschheit hinausgehenden Sinn? Ich glaube ja. Und genau in dem Nicht-mehr-gebraucht-werden liegt die Chance, ja die Notwendigkeit des ehrlichen Reflektierens. Gegen Ende des Lebens kann ich mich sozusagen rücksichtslos, also ohne mich um andere kümmern zu müssen, mit mir selbst beschäftigen, ganz tief hineinhorchen und erkennen: Ja, deshalb war ich und deshalb bin ich noch hier: Mich selbst zu erkennen ist der Sinn des Lebens, nicht mehr und nicht weniger, selbst wenn dieser Sinn oder besser das Erkennen desselben in jungen Jahren häufig durch den Alltag überlagert wird. Das Sein zu erkennen, das auch ich bin. Genau das ist es. Mich selbst als einen Teil der Ewigkeit spüren, als einen Teil der göttlichen Schöpfung. So wird aus dem Nicht-mehr-gebraucht-werden und dem damit verbundenen Alleinsein ein mit Allem Einssein. Ein alter Mensch, der das erreicht hat, erhöht die „Frequenz“ in seiner Umgebung. Dafür wird er gebraucht, ganz notwendig sogar. Und dann darf er auch gehen.

Andreas Angermeir

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