Jahre ohne Zukunft

Als ich meine ehemaligen Klassenkameraden beim vereinbarten Treffpunkt versammelt sah, erschrak ich. Was sich da zum 50-jährigen Abiturtreffen traf, das war eine Gruppe alter, unscheinbarer Rentner, denen jener Schwung fehlte, den ich bei den letzten beiden Treffen noch gespürt hatte. Damals waren wir noch 60 oder 65 Jahre alt, die meisten von uns also noch im Berufsleben verankert. Die letzten 5 Jahre – in der Zwischenzeit haben die meisten von uns die 70er Marke erreicht – haben deutlichere Spuren hinterlassen als die Zeit davor.

Nach dem Klassentreffen machte ich mich auf meine alljährliche Caravantour. Dieses Mal hieß das Ziel Norditalien. Obwohl wir durch Traumlandschaften wie das Aostatal, dem Piemont, der Toskana und Umbrien fuhren und wunderschöne Städte und Dörfer besuchten, blieb jene Begeisterung, wie ich sie auf früheren Fahrten erlebte, aus. Woran lag es? Ich glaube nach einem dichten Leben bin ich satt geworden, habe vermutlich zu viele Kirchen, Paläste und Burgen gesehen und ich bin irgendwie müde geworden. Und diese Müdigkeit legt sich über all mein Tun.

Was immer ich tue, es kostet Überwindung. Der Körper ist in einen Dauerstreik getreten, ausgelaugt und verbraucht. Wie kann sich da Begeisterung einstellen? Es ist oft ein Dahinschleppen, ohne den Schwung vergangener Jahre. Es fehlt auch die Perspektive, das Ziel. Es sind kaum noch weiße Flecken offen. Fast alles angeschaut, fast alles gemacht. So ziemlich alles erlebt an Höhen und Tiefen. Und eigenartiger Weise schleicht sich auch noch das Gefühl ein, dass die verbliebenen Wünsche auch gar nicht so wichtig sind wie vormals eingebildet.

Es fehlt der Biss, der unbedingte Wille. Selbst wenn die Glut noch vorhanden ist, das Feuer fehlt. Die Scheunen sind voll. Aber wozu brauche ich denn das Eingefahrene? Die Frage nach der Zukunft stellt sich. Wofür, wozu das Ganze? Gibt es noch eine Zukunft? Keine große zumindest. Alles befindet sich auf dem absteigenden Ast, eine Einbahnstraße, eine Sackgasse mit dem Tod in Sichtweite. Wartet am Ende ein Schwarzes Loch, das alles in sich aufnimmt, ohne auch nur ein Bit an Information nach außen dringen zu lassen. Wie könnte da jemand wissen, was kommt.

Und doch gibt es in dieser offensichtlichen Endgültigkeit eine große Chance, die größte und letzte, die vermutlich einmalige Gelegenheit doch noch etwas Neues zu entdecken, nämlich die Gegenwart, das Jetzt, in dem alles Leben stattfindet. In diesem Jetzt sich selbst finden und damit das große Geheimnis des Mysteriums Leben lüften. Ist dieses Jetzt vielleicht genau jenes Zentrum, um das sich alles dreht. Dies heraus zu finden, wäre die Krönung des Lebens.

Trotz aller Müdigkeit ist ganz offensichtlich ein Funke Hoffnung geblieben. Was passiert aber, wenn diese Müdigkeit wider aller Erwarten wieder verschwinden sollte? Verschwindet dann auch wieder die vielleicht gefundene Gegenwart und kehrt die Zukunft wieder ein mit all den Sorgen und Ängsten, obwohl es Zukunft, in Jahren gemessen, ja kaum noch gibt? Kann man das Leben  in der Gegenwart wieder verlieren, wenn man es einmal erreicht hat? Fragezeichen über Fragezeichen. Oder, um mit Sokrates zu sprechen: Ich weiß, dass ich nichts weiß.

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