Jean Ziegler

Der Globalisierungskritiker Jean Ziegler ist auf jeden Fall ein streitbarer Zeitgenosse. Er scheut sich nicht, die Dinge beim Namen zu nennen und mit kraftvollen Ausdrücken zu hinterlegen. So spricht er z. Bsp. von einer kannibalischen Weltordnung. Wenn Jean Ziegler anprangert, dass wenigen Reichen Milliarden von Armen gegenüberstehen, dann ist das sicherlich in Ordnung. Dass sich die Schere zwischen den ganz Armen und den ganz Reichen immer weiter öffnet, führt zu einer weiteren Polarisierung auf unserem Planeten. Und das kann nicht gewollt sein. Oder doch? Insofern bin ich froh, dass es jemanden gibt, der seine Stimme gegen diese Weltordnung erhebt. Was mich allerdings stört, ist die Tatsache, dass Jean Ziegler offensichtlich glaubt, dass man nur genügend Geld in die Hand nehmen müsste, um das Hungerproblem für immer lösen zu können.

So behauptet er allen Ernstes, dass es keinen objektiven Mangel gäbe, dass 12 milliarden Menschen problemlos ernährt werden könnten. Das stimmt sicher nicht, es sei denn, man lässt den Raubbau zu, unter dem jetzt schon weite Teile der Erde leiden. Oder alle Menschen ernähren sich vegetarisch oder kein Essen wird weggeworfen oder oder … Da kann ich nur sagen hätte, hätte … Fahrradkette. Menschenleben sind zu kostbar, als dass man sich solchen Illusionen hingeben dürfte. Fakt ist, dass trotz vielfältiger Bemühungen etwa ein Zehntel der Menschheit hungern muss. Fakt ist, dass wir die gegenwärtig auf der Erde lebenden 7,5 milliarden Menschen nicht ausreichend ernähren können.

Es gibt Agraringenieure, die der Meinung sind, dass die Produktion von Nahrungsmitteln langfristig eher zurück gehen als dass sie expandieren wird. Durch die schweren Maschinen, die für eine intensive Landwirtschaft notwendig sind, werden die Böden so verdichtet, dass nach vielen Jahren einer derartigen Bodenbearbeitung die Wurzeln nur wenig Chancen haben, den festen Boden zu durchdringen, damit sie die notwendigen Mineralien aufnehmen können. Um die 12 Milliarden Menschen ernähren zu können, müssten noch mehr Urwälder gerodet werden, noch mehr Maschinen zum Einsatz kommen, die Umwelt noch mehr belastet werden. Jetzt schon kommen immer stärkere Pestizide zum Einsatz, um die immer mehr Platz einnehmenden Unkräuter eindämmen zu können. In den letzten Jahren wurden 76 % der bekannten Insektenarten ausgerottet. Die stellen aber genau den Beginn der Nahrungskette dar. Das Resultat sind weniger Vögel. Eine Teufelsspirale. Die bis jetzt erfolgten Rodungen haben bereits zu so starken Klimaveränderungen geführt, dass manche Pflanzen weniger Ertrag abwerfen als noch vor ein paar Jahren. Man denke nur an den Rückgang der Kaffepflanzen in Mittel – und Südamerika.

Die 12 milliarden Menschen wollen jedoch nicht nur ernährt werden, sie wollen vermutlich auch einen angemessenen Lebensstandard haben. Der steht ihnen doch zu oder sollen sie als Menschen zweiter Klasse behandelt werden? Wie soll das funktionieren? Man bedenke auch, dass eine Naturkatastrophe bei einer mit 12 milliarden Menschen total gesättigten Erde eine Katastrophe ungeahnten Ausmaßes zur Folge hätte. Es wäre unverantwortlich, ein Bevölkerungswachstum bis zu dieser Marge zuzulassen. Und wer wird die Menschen dann, wenn die 12 Milliardengrenze erreicht ist, dazu bewegen können, keinen Überschuss mehr zu produzieren? Die Katastrophe ist vorprogrammiert. So wie sich Jean Ziegler das vorstellt, geht es nicht.

Alljährlich gibt es im Mai oder Juni – manche Quellen sprechen auch von Ende Juli – eine Meldung, die uns daran erinnert, dass wir zu diesem Datum bereits all jene Ressourcen verbraucht haben, die uns für ein ganzes Jahr zustehen. Das heißt nichts anderes, als dass unser Planet zwei Mal oder zweieinhalb Mal so groß sein müsste, um uns bei dem gegenwärtigen Lebensstandard zu versorgen. Man könnte auch sagen, dass unsere Erde nur etwa 40% bis 50% von 7,5 Milliarden langfristig beherbergen kann, wenn es nicht zu ganz schrecklichen Verteilungskämpfen kommen soll. Die Erde ist also jetzt schon völlig überbevölkert. Dieser Tatsache müssen wir Rechnung tragen und dafür sorgen, dass die Bevölkerung langfristig wieder schrumpft. Das ist der richtige Ansatz. Nur so kann man das Leid vieler Menschen tatsächlich verringern.

Und darauf verschwendet Jean Ziegler keinen Gedanken. Er sagt, dass jedem Menschen ein Grundrecht auf Nahrung zusteht. Gut so. Das kann aber nur gelingen, wenn die Bevölkerung nicht weiter wächst, sondern schrumpft. Damit kommen wir zu der Frage, ob jeder Mensch auf diesem immer enger werdenden Planeten das Recht hat, so viele Kinder in die Welt zu setzen wie es ihm beliebt. Das wäre der Egoismus im Kleinen, Egoismus, den Jean Ziegler den Großen verwirft. Im ersten Fall ist es die sexuelle Lust, die Begierde, und im zweiten Fall ist es die Profitgier der Konzerne. Die deutsche Sprache deckt die Hauptwurzel allen Übels schonungslos auf: es ist die Gier. Schon Buddha hat das Begehren als wesentlichen Grund für alles Leid auf dieser Welt erkannt. Ein Vater – wie im Fernsehen gezeigt -, der auf seine sieben halb verhungerten Kinder zeigt, handelt unverantwortlich, wenn er ein achtes Kind in die Welt setzt. (Er hat schon vorher unverantwortlich gehandelt.) Er nimmt den Tod eines Kindes durch Verhungern bewusst in Kauf. Was ist das anderes als Tötung oder zumindest Körperverletzung mit Vorsatz. Und das kann man nicht den Großkonzernen wie Nestle anlasten. Eigenverantwortung ist gefragt. Was ist denn daran so schlimm, wenn sich jedes Paar mit zwei Kindern begnügt? Solange Jean Ziegler nur auf die anderen zeigt, bleibt er äußerst unglaubwürdig. Beide Seiten, die Reichen wie die Armen, sind für unsere Welt verantwortlich. Man muss fragen, wer größeres Unheil anrichtet: Jean Ziegler oder die großen Konzerne?

Andreas Angermeir

 

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