Weihnachten, Ostern und die Erbsünde

Nach der Vorstellung des Christentums besteht die Erbsünde in der Trennung von Gott. Die Erbsünde war die Strafe dafür, dass sich Adam und Eva nicht vom Baum der Erkenntnis fern gehalten haben. Durch die Taufe wird nach christlicher Lehre die Erbsünde wieder aufgehoben. Ob das so einfach geht?

Wikipedia sagt dazu: „Die Weitergabe der Erbsünde ist jedoch ein Geheimnis, das wir nicht völlig verstehen können. Durch die Offenbarung wissen wir aber, dass Adam die ursprüngliche Heiligkeit und Gerechtigkeit nicht für sich allein erhalten hatte, sondern für die ganze Menschennatur. Indem Adam und Eva dem Versucher nachgeben, begehen sie eine persönliche Sünde, aber diese Sünde trifft die Menschennatur, die sie in der Folge im gefallenen Zustand weitergeben [Vgl. K. v. Trient: DS 1511-1512.]. Sie ist eine Sünde, die durch Fortpflanzung an die ganze Menschheit weitergegeben wird, nämlich durch die Weitergabe einer menschlichen Natur, die der ursprünglichen Heiligkeit und Gerechtigkeit ermangelt. Deswegen ist die Erbsünde ‚Sünde‘ in einem übertragenen Sinn: Sie ist eine Sünde, die man ‚miterhalten‘, nicht aber begangen hat, ein Zustand, keine Tat.“ – Ecclesia Catholica: Katechismus der Katholischen Kirche. (1997)

Soweit die gegenwärtige, katholische Lehre. Der Vollständigkeit halber sei erwähnt, dass im Christentum der Begriff der Erbsünde während der letzten 2.000 Jahre immer wieder kontrovers diskutiert wurde.

Hinter der Geschichte von der Erbsünde, wie sie uns die Bibel erzählt, steckt vermutlich die Geschichte der Menschwerdung. Die Geschichte erzählt den Übergang vom Tier zum Menschen. In der Tierwelt gab es nur das Einssein mit der Schöpfung. Dieses Einssein endete mit der Fähigkeit des Menschen, bewusst zu erkennen, dass das Leben endlich ist. Daraus ergab sich zwangsläufig die Frage, was nach dem Tod kommt; ob es also ein Weiterleben nach dem Tode gibt oder ob es ein für alle Mal vorbei ist; man sozusagen spurlos verschwindet. Das Menschsein begann also genau dann, als der Mensch begann, über sich und die Welt zu reflektieren. Mit diesem Erkennen der eigenen Vergänglichkeit verwandelte sich – mental – das Paradies zu der Erde, wie wir sie heute erfahren.

Obwohl sich äußerlich das Leben des jetzt reflektierenden Wesens Mensch nicht änderte, begann sich für den Menschen seine Wahrnehmung bezüglich der Umwelt und bezüglich der eigenen Person radikal zu verändern. Der Beginn des Reflektierens war praktisch die Geburtsstunde des Menschen. Man könnte auch sagen, dass die Erbsünde darin besteht, dass der Mensch den Seinszustand verlassen und angefangen hat, zu reflektieren. Im Laufe der Zeit entwickelte sich der Verstand immer weiter. Der Verstand, der für das Erkennen verantwortlich ist, wurde zur entscheidenden Größe, durch die sich Mensch und Tier fortan unterschieden. Eine Aufgabe des Menschen besteht nun darin, dem Verstand die Rolle zuzuweisen, die ihm gebührt. Er ist ein Werkzeug, mit dem man intellektuelle Probleme lösen kann, mehr nicht. Er ist nicht das gesamte Wesen, das wir Mensch nennen. Wird der Verstand zur einzig relevanten Größe, dann wird er zum Mörder der Wirklichkeit. Denn die umfasst wesentlich mehr als wir mit unserem Verstand wahrnehmen können.

Der Verstand ist auch nicht dazu geeignet, dass wir die Angst vor dem Tode überwinden. Er kann nur Hilfestellungen anbieten. So haben sich die Menschen im Laufe der Zeiten alles mögliche ausgedacht, wie sie den Tod überwinden könnten. Z. Bsp., indem sie sich gewaltige Denkmäler setzten und Reichtümer anhäuften, durch die sie bis in alle Ewigkeit weiter zu leben hofften. Das Anhäufen von Reichtümern gelang nur wenigen, denen nämlich, welche die anderen ausnutzten und ausbeuteten, um diesen Reichtum anhäufen zu können. Das muss wohl auch die Geburtsstunde der Gier gewesen sein, dem Grundübel des Menschen. Als weiteres Mittel zur Überwindung der Angst vor dem Tode erfand der Mensch Religionen und Kulte, die ihm das Weiterleben garantieren sollten. Die Religion mag für viele Menschen eine echte Hilfe sein, die sie sehr beruhigt schlafen lässt. Die Überwindung der Angst vor dem Tode kann jedoch erst dann fundamental erlangt werden, wenn wir unser Herz öffnen. In den Augenblicken, in denen der Mensch sein Herz öffnet, verschwindet augenblicklich jede Angst, auch die Angst vor dem Tode. Christus steht für diese Herzöffnung. Insofern hat die Kirche recht, wenn sie sagt, dass ein Leben in Christus die Auferstehung vom Tode bedeutet. Deshalb sind Weihnachten und Ostern die herausragenden Feste in den christlichen Religionen. An Weihnachten kam Jesus zur Welt und an Ostern erlöste er die Menschen in der Auferstehung.

Vergessen wir nicht, dass ein Leben in Christus ein Leben in Liebe wäre. Die Angst vor dem Tode verschwindet auch in den Augenblicken im Leben, in denen man das Einssein mit allem und jedem in sich spürt. Wer es schafft, diese Augenblicke zu einem Dauerzustand zu machen, oder wer es schafft, sein Herz offen zu halten, der ist wieder im Paradies angekommen, und zwar unabhängig davon, wie sich die äußeren Lebensumstände gerade darstellen. In seinem Inneren ist für ihn immer Weihnachten und Ostern zugleich. Er hat die Erbsünde überwunden und die Trennung von Gott wieder aufgehoben. Und das geht auch ohne Konfession.

In diesem Sinne wünsche ich Ihnen allen ein erfolgreiches Neues Jahr – Andreas Angermeir.

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