Brexit

Im Spätsommer 2018 machten wir uns mit unserem Caravan auf den Weg nach Großbritannien. Wir fuhren Tausende von Kilometern durch Wales, Cornwall und Südengland. Wir fanden wunderbare Städte, die sich ihre innerstädtische Kultur mit kleinen Läden, Restaurants und Cafes erhalten hatten. Diese nostalgisch anmutenden Städte sind Kleinode von einem Format, wie es längst aus Deutschland verschwunden ist. Das zeigt, wie sehr die Engländer bemüht sind, alte Traditionen, die das Leben etwas persönlicher und damit auch menschlicher gestalten, zu bewahren. Während in Deutschland fast alle Alleen der Säge zum Opfer fielen, sind sie in England ganz selbstverständlich. Wir sind viele Kilometer auf Straßen gefahren, die gerade mal drei Meter breit waren und auf denen man bei Gegenverkehr gezwungen ist, anzuhalten und rückwärts bis zur nächsten Einbuchtung zu fahren. Ich kenne in Deutschland derartige Straßen nicht. Man hätte sie längst begradigt und verbreitert. In England sind die Straßen oft von meterhohen Hecken oder Steinmauern gesäumt. Ein Ausweichen gibt es nicht. Trotzdem gibt es keine große Rechthaberei. Rücksichtnahme ist angesagt. Ohne Diskussion ergibt es sich wie von selbst, dass einer der beiden Fahrer den Rückwärtsgang einlegt. Trotz der wie ich fand recht zügigen Fahrweise der Engländer sind sie – wie auch sonst im täglichen Leben – überaus höflich und zuvorkommend.

Ich habe mich in diesem Land ausgesprochen wohl gefühlt und könnte mir gut vorstellen, dort zu leben. Auch die Campingplätze funktionieren anders als bei uns. Auf englischen Plätzen wird einem der Stellplatz zugewiesen und sofort im Voraus bezahlt. Auf dem Kontinent kann man sich in der Regel den Stellplatz vorher aussuchen und zahlt, wenn man den Platz verlässt. In England funktioniert das System nach dem Prinzip „Take it or leave it.“. Ganz davon abgesehen, dass die englischen Campingplätze im Durchschnitt einen höheren Standard aufwiesen als die auf dem Kontinent. Selbst wenn wir uns mit den Engländern nur sehr selten über den Brexit unterhielten, wurde uns immer wieder gesagt, dass in England vieles anders sei als auf dem Kontinent. Die Briten sind sich also ihres Andersseins durchaus bewusst.

Auf den Campingplätzen fand ich exotisch anmutende Caravangespanne mitsamt exotischen Besitzern, wie ich sie hierzulande noch nie gesehen habe. Und alles wird toleriert. Man darf so sein wie man ist. Nach diesem Urlaub kann ich nur sagen, England ist anders als jedes andere Land auf dem Kontinent. Nun die Länder auf dem Kontinent sind auch unterschiedlich, aber England ist es in einem besonderen Maße. Ich kann gut verstehen, dass die Menschen in Großbritannien sich mehrheitlich für den Brexit entschieden haben und finde es höchst bedauerlich, dass wir das nicht akzeptieren und wir den Briten möglichst viele Steine in den Weg legen wollen.

Da höre ich immer wieder das Argument von der Rosinenpickerei – häufig im Zusammenhang mit Migranten. Weshalb sollen die Briten noch mehr Migranten aufnehmen, wo sie doch selbst noch mit der Integration der „Einwanderer“ aus dem Commenwealth zu tun haben? Bei genauer Betrachtung könnte man sogar sagen, dass die Briten mit der Zurückweisung von Migranten auf Rosinen verzichten. Merkel und J.C. Junker werden nicht müde zu behaupten, dass die Migranten eine echte Bereicherung für unsere Länder seien. Und die Briten überlassen uns diese Bereicherung. Im Sinne Merkels picken wir die Rosinen.

Nach all dem, wie ich die Engländer in meinem Urlaub kennen gelernt habe, haben die auf Grund ihres Verständnisses von Fair Play das Gefühl, von den anderen Europäern über den Tisch gezogen zu werden. Dass sich übrigens der Rest Europas bei den Austrittsverhandlungen so einig ist in der Härte gegenüber den Briten, liegt doch hauptsächlich daran, dass die EU auf den anderen Politikfeldern keine Einigung erzielt, oder anders gesagt einfach nichts zustande bringt.  Warum muss hier ein Exempel statuiert werden? Hat man Angst, dass noch mehr EU-Länder diese EU verlassen könnten? Diese Befürchtung lässt vermuten, dass es in der EU nicht so optimal läuft wie man es oft suggeriert. Ansonsten würde ja kein Staat auf die Idee kommen, diesen Verbund zu verlassen.

Mein Vorschlag: Reisende soll man nicht aufhalten, Lassen wir die Briten also ziehen und schließen wir mit ihnen ein Freihandelsabkommen, so, wie es die EU z.B. mit Japan geschlossen hat. Vergessen wir nicht, dass es die Briten waren, die bei NATO-Einsätzen immer ganz vorne mit dabei waren und den Kopf hingehalten haben. Etwas mehr Fair Play von Seiten der restlichen 27 Staaten wäre angebracht.

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