Spanien

Im Mai erfüllte ich mir einen Traum, den ich über Jahrzehnte immer wieder geträumt habe. Ich fuhr in den Südwesten Spaniens, nach Toledo, Almagro, Cordoba, Sevilla, Caceres, Avila, Segovia und El Escorial. Alle erwähnten Städte sind Garanten für ereignisreiche Geschichtsfelder. Wer Spanien wirklich erleben will, der sollte unbedingt in Paradores übernachten. Das sind zu Hotels umgebaute alte Klöster, Burgen, Schlösser oder Paläste. Und Spanien ist schon ein besonderes Land. Gerade an der Architektur kann man den Einfluss der Mauren erkennen. Nirgendwo sonst in Europa sind die Häuserfassaden so geschlossen, ja abweisend wie in Spanien. Hauswand steht an Hauswand. Vorgärten wie in Mitteleuropa gibt es nicht. Das Leben spielt sich hinter den Mauern ab. Dringt man in einen der mit Blumen reich geschmückten Patios vor, dann fühlt man sich geschützt, gut aufgehoben.

Mit den Mauren kam diese Wohnkultur nach Spanien und von dort verbreitete sie sich in ganz Lateinamerika aus. Für mich war es schon faszinierend, zu sehen wie eine Architektur und damit ein ganzer Lebensstil sich von einer relativ begrenzten Region 

aus über die halbe Welt ausbreiten kann. In Spanien hatte ich häufig das Gefühl, nicht in Europa, sondern irgendwo in Mexiko, Cuba oder im Südwesten der USA unterwegs zu sein. Die menschenleeren Straßen und die geschlossenen Häuserfronten in den Städten gaben mir das Gefühl, in diesem Land nicht willkommen zu sein. Ich habe das in so einer Form noch nie erlebt. Auch die Landschaft, über der den ganzen Tag über die gleißende Sonne brütet, scheint abweisend. Man kommt sich einsam und verloren vor.

Das mag auch am Straßenverkehr liegen. Auf den Landstraßen und selbst auf den Autobahnen scheint man mit nur wenigen Menschen unterwegs zu sein. Das Autofahren wird so zu einer entspannten Angelegenheit. Ich bin in den 10 Tagen, die ich in Spanien unterwegs war, nicht ein einziges Mal in einen Stau gekommen. Die paar Baustellen, die wir passierten, kann ich an einer Hand abzählen. Dazu kommt noch, dass es auf Spaniens Straßen generelle Geschwindigkeitsbegrenzungen gibt – auf der Autobahn sind es bspw. 120 km/h, die auch tatsächlich eingehalten werden. Das verstärkt das Gefühl, nur mit wenigen unterwegs zu sein. Man fährt quasi immer im gleichen Abstand hintereinander her. Das passt so gar nicht zum Klischee des heißblütigen Spaniers. Das Verhalten ist so völlig anders als auf Italiens Straßen. Mir zeigte es, dass man Vorurteile auch im fortgeschrittenen Alter ablegen kann.

Was in Spanien auffällt, das sind die kompakten Siedlungsstrukturen. Die Zersiedlung des Landes wie man sie in Mitteleuropa so häufig sieht, fehlt hier. Die Städte und Dörfer liegen als dicht bebaute urbane Zentren in der Landschaft. Ihre Häuser scharen sich um die alles dominierende Kirche. Sie überragt den Ort wie eine Schutzherrin, die Unterschlupf gewährt und zugleich Gehorsam einfordert. Man spürt in dieser Architektur förmlich die Macht der katholischen Kirche.

Doch das Ausgeschlossensein ist nur der äußere Eindruck. Ich habe selten so viele hilfsbereite Menschen getroffen wie in Spanien. Und alle waren sie freundlich – und selbstbewusst. Das Klischee vom stolzen Spanier hat schon irgendwo seine Berechtigung. Aufrechter Gang, die Brust raus, kein gekrümmter Rücken. Eine kraftvolle Körpersprache. Und wieder ein Paradox: Trotz der überall erlebten Hilfsbereitschaft ein Mangel an Service und Dienstleistungen wie ich ihn so krass auch noch nicht erlebt habe. Lange Wartezeiten und nur wenig Personal, das Englisch sprechen kann. Das gilt zumindest für die Touristenorte im Landesinnern. Gott sei Dank gibt es Smartphones mit Übersetzungsdienstleistungen.

Ich habe mich gefragt, warum man nicht mehr Stellen im Tourismus schafft, wo sie dringend notwendig sind. Gerade im Hinblick auf die hohe Jugendarbeitslosigkeit wäre die Einstellung junger Leute im Tourismus eine Gelegenheit, Menschen in Arbeit und Brot zu bringen. Die Berichterstattung in Deutschland lässt Spanien als ein armes Land erscheinen. Ich konnte dies so nicht erleben. Vielleicht ist das BSP niedriger als bei uns, aber im täglichen Leben spiegelt sich der Unterschied nicht wider.

So ganz unverständlich bleibt mir der so viel bejubelte Stierkampf. Da gibt es doch Stierkampfarenen, in denen Zehntausende von Menschen begeistert zuschauen wie ein Tier in einem stundenlangen Kampf zu Tode gequält wird. Was geht in den Köpfen und Herzen dieser Menschen vor, wenn sie sich am Leiden eines Lebewesens laben? In diesem Zusammenhang habe ich mich gefragt, weshalb die EU mit Polen so kritisch umgeht und die Spanier völlig ungestraft ihren bestialischen Stierkämpfen frönen dürfen.

Fazit: Wer ins Ausland – in ein fremdes Land – fahren will, der sollte eine Rundtour durch das Landesinnere Spaniens machen. Es lohnt sich.

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