Verschwörungstheorien und Machthaber

In der Ausnahmezeit des Coronavirus blühen die Verschwörungstheorien. Sie ranken sich um 5G und die in Entwicklung sich befindenden Schutzimpfungen. Sehr häufig fällt dabei aber auch der Begriff des Tiefen Staates. Es ist jene innerstaatliche Institution, die Trump bekanntlich beseitigen will. Das war sein Versprechen. Jetzt, also während der Coronakrise, so die Verschwörungstheoretiker, böte sich die große Gelegenheit, den Tiefen Staat auszurotten. Manche glauben sogar allen Ernstes, dass die Coronapandemie nur eine Inszenierung ist, um diese Aktion durchzuführen. Und Trump ist ihr gottähnlicher Anführer.

Weist man auf die Versäumnisse durch Trump während der Coronakrise hin, dann wird man von den Trumpanhängern darauf hingewiesen, dass die Informationen in den Medien Lügen seien, die von einer Presse, die ganz in den Händen des Tiefen Staates ist, bewusst in die Welt gesetzt würden. Egal, was Trump macht, ihrer Meinung nach ist es richtig. Er ist der makellose Führer oder einfach nur der POTUS, wie er liebevoll und respektvoll zugleich von seinen Anhängern genannt wird. Die Verschwörungstheoretiker, die ja angeblich sehr kritisch mit Informationen umgehen, sind zu keiner Kritik ihren eigenen Medienquellen gegenüber fähig. Sie schalten diesbezüglich ihren eigenen Verstand komplett aus.

Wie konnte es Trump gelingen, so viele treue Anhänger um sich zu scharen? Wie kann es sein, dass auch intelligente Menschen diesem Mann bedingungslos folgen? Wie kann ein einzelner Mensch zu soviel Macht gelangen? Liegt es an der einzigartigen Persönlichkeit von Trump? Ich glaube, dass es ganz bestimmte Kriterien gibt, die zur Persönlichkeit von Menschen gehören, die für sich eine außergewöhnliche Machtposition beanspruchen und diese dann auch erreichen. Ihre Machtposition ist zu vergleichen mit der eines Diktators.

Das Markenzeichen eines Diktators besteht darin, dass er diktiert, was zu geschehen hat; er allein, unfehlbar. Alle Diktatoren haben eine gemeinsame Eigenschaft: Sie benennen einen Feind, den sie niederringen wollen. Sie suggerieren ihren Anhängern, dass dieser Feind auch ihr Feind ist. Dieser Feind ist schuld an der Misere der Menschen. Bei Trump ist es der Tiefe Staat, bei Erdogan ist es die Gülenbewegung und bei Xi Jinpin sind es die korrupten Eliten, die es auszurotten gilt. Bei Hitler waren es die Juden. Im Mittelalter waren es die Hexen. Die Namen haben sich geändert, ansonsten ist die Menschheit, allen voran die Verschwörungstheoretiker, in ihrer Fähigkeit zur Reflexion häufig nicht weit vom Mittelalter entfernt.

Wenig Erfolg wird der Diktator bei all denjenigen haben, die mit ihrem Leben zufrieden sind oder die im Leben das erreicht haben, was sie sich von ihrem Leben erhofft haben. Großen Zulauf wird der Diktator aber bei jenen haben, die in ihrem Leben nicht das erreicht haben, was sie sich erträumt haben. Da diese Menschen aber nicht die Schuld bei sich selbst suchen, brauchen sie einen Schuldigen und das sind genau jene Gruppen von Menschen, denen auch ihr Anführer die Schuld gibt – wie z.B. die Mitglieder des Tiefen Staates. Somit haben die Menschen endlich jene ausfindig gemacht, die ihr Leben zerstört haben oder deretwegen sie sich nicht voll entfalten konnten.

Und hier setzt der Diktator den Hebel an. Er erklärt sich bereit, Rache zu üben an diesen bösen Menschen und die Unterdrückten aus der Sklaverei zu befreien. Dabei hilft das Leben in all seiner Unzulänglichkeit auch mit, leider. Jeder kennt Politiker, die mehr auf den Lobbyisten hören als eine gerechte Sache durchzufechten. Ja, in unserer Welt läuft sicher einiges nicht optimal. Erfolgreiche und Zufriedene lassen sich durch korrupte Politiker und durch rücksichtslose Wirtschaftsbosse nicht aus dem Gleichgewicht bringen, sondern ordnen diese Unzulänglichkeiten als einen Teil des Lebens ein. Sie prangern den Mangel an, ohne dabei das Ganze aus den Augen zu verlieren.

Die Anhänger des Diktators hingegen fangen an, selbst Informationen zu publizieren, die den bösen Mächten allerlei Satanisches andichten, da diese offensichtlich ein Komplott gegen die Menschheit schmieden. Vermutlich wollen diese bösen Menschen jedoch gar kein Komplott schmieden, sondern sind jener Eigenschaft hörig, die unserem Planeten tatsächlich arg zu schaffen macht, nämlich der Gier. So wird von diesen bösen Menschen ganz Schauerliches berichtet z.B., dass die Anhänger des Tiefen Staates pädophil sind und das Blut von Kindern trinken und Kleinkindern die Haut bei lebendigem Leib abziehen. Jeder, der das für bare Münze nimmt, wird dagegen aufstehen wollen. Allein schafft er es jedoch nicht. Er braucht starke Verbündete. Der Diktator ist ein solcher Verbündeter. Er verspricht, dieses Übel mit Stumpf und Stiel auszurotten. Wer könnte ihm da widersprechen? Er ist ein Heiliger, der gegen das Böse, ja den Satan persönlich, zu Felde zieht.

Die Anhänger des Diktators erschaffen mit der Zeit immer mehr Informationen über die Gegner und produzieren Tausende von Artikeln im Internet oder schreiben Bücher. Meist wird in diesen Publikationen ein sogenannter hochrangiger Informant zitiert, der sein geheimes Insiderwissen zum Besten gibt – wie z.B. der ominöse QAnon. Die in diesen Artikeln vorgetragene Meinung wird von unzähligen Lesern durch viele Kommentare bestätigt und noch verstärkt. Die Anhänger dieser Verschwörungstheorien schaukeln sich gegenseitig mit ihren Kommentaren hoch und indem sie sich irgendwann fast ausschließlich in diesen Zirkeln und abgeschlossenen Gedankenwolken bewegen, leiten sie bei sich selbst eine Gehirnwäsche ein, der sie nicht mehr zu entrinnen vermögen. Sie immunisieren sich gegen jede Art von Kritik von außen. Und sie finden in der Gruppe Gleichgesinnter den nötigen Halt. Ihr Selbstbewusstsein wird gestärkt. Sie fühlen sich aufgehoben und anerkannt. Und jetzt kommt wieder der Diktator ins Spiel.

Er muss in seinem Auftreten großartig erscheinen. Er muss sich inszenieren können. Er muss vor Selbstbewusstsein strotzen, sodass sich seine Anhänger an ihm aufrichten können. Mit diesem Helden können sie sich identifizieren. Er stärkt ihrem schwachen ICH das Rückgrat. Er ist auch bereit, seine Gegner mit einer gewissen Brutalität zu vernichten. Plötzlich ist auch jeder Anhänger des Anführers eine bedeutende Person, die am Rachefeldzug gegen das Böse teilnimmt. Das schmeichelt ihrem Ego. Jetzt sind sie bereit, für den Führer in den Krieg zu ziehen. Was diese armen Menschen jedoch suchen, ist meiner Meinung nach nichts anderes als ein wenig Liebe und Anerkennung, vielleicht auch mehr Gerechtigkeit, gepaart mit dem Wunsch, Gehör zu finden. Einige mögen auch von der tiefen Sehnsucht nach einer heilen Welt erfüllt sein. Diese heile Welt gibt es nur nicht. Sie ist eine Illusion, Utopia.

Unsere Gesellschaft bietet unglaubliche Freiräume, die von manchen leider schamlos ausgenutzt werden, um für sich das Bestmögliche heraus zu holen. Ein großer Teil der Menschheit allerdings bleibt in diesem Kampf auf der Strecke. Und das sind die Menschen, die den Diktatoren voll auf den Leim gehen. Und je mehr die Schere von arm und reich auseinander geht, desto mehr wird es von diesen Rattenfängern geben. Wir brauchen wirklich eine Neue Welt, eine, in der es weniger auf die Ellenbogen, sondern mehr auf das Herz ankommt. Bis dahin wird die Welt zunehmend von Trumps, Erdogans und Xi Jinpins regiert, die für ihre Selbstinszenierung die Schwachen und Frustrierten in unserer Gesellschaft schamlos benutzen. Trump, Erdogan und Xi Jinpin sind nicht die einzigen. Es gab und es gibt noch viel mehr davon und es könnten möglicherweise noch mehr werden.

Fazit:  1.) Um ein Diktator werden zu können, muss man zuerst ein Feindbild schaffen. 2.) Es muss eine latente Unzufriedenheit in einem Volk vorhanden sein, die mit diesem Feindbild korreliert. 3.) Der Diktator braucht ein außergewöhnliches Selbst – und Sendungsbewusstsein, an dem sich seine Anhänger aufrichten können. 4.) Er muss bereit sein, seine Gegner direkt anzugreifen und sie auch zu vernichten, um zu zeigen, wie mächtig er ist. Er braucht diesen Machtinstinkt, diesen Killerinstinkt. Das stärkt ihn und seine Anhänger, die er am Erfolg auch teilhaben lassen muss. So entsteht eine verschworene Gemeinschaft aus den Anhängern und ihrem Führer. Je stärker die Bindung von ihm und seinen Anhängern ist, desto einflussreicher wird die Bewegung. Und sie ist dann kaum noch zu stoppen.

Andreas Angermeir

P.S.

Ich habe mich bei meinen Recherchen über eine Woche lang fast ausschließlich auf den Seiten der Verschwörungstheoretiker bewegt und war fasziniert, was das mit mir gemacht hat. Ich habe es bewusst unterlassen, alle Dinge zu hinterfragen, sondern versucht, mich wie ein Verschwörungstheoretiker auf das, was im Internet präsentiert wurde, einzulassen. Ich hatte plötzlich das Gefühl, das Internet ist voll von Seiten mit Verschwörungstheorien, obwohl ich vorher noch glaubte, dass es diese Seiten wohl nur sehr vereinzelt gäbe. Da wurde soviel an geheimem Wissen verteilt, dass ich mir wie ein völlig Unwissender vorkam, der allmählich in die großen Geheimnisse des Planeten eingeführt wurde. Ich war richtig gespannt, welche Neuerungen und Kehrtwendungen vollzogen wurden, wenn die angekündigten Ereignisse dann doch nicht eintraten. Ich kann mir gut vorstellen, dass man wie bei einem Fortsetzungsroman süchtig wird nach all den spektakulären Enthüllungen und Voraussagen. Das Lesen der Internetauftritte wird zur Droge. Man fragt gar nicht mehr, ob all die vorausgesagten Dinge auch eingetreten sind. Man will nur noch wissen, wie es weiter geht. Man wird unkritisch. Das Faszinierende ist auch, dass man auf die eigenen Kommentare tatsächlich auch Antworten bekommt. Wenn man öffentliche Stellen anschreibt wie z.B. die öffentlich-rechtlichen Sender ZDF oder ARD oder Ministerien, dann bekommt man in der Regel nur 08/15 Antworten, wenn man überhaupt welche bekommt. Das ist auf den Seiten der Verschwörungstheoretiker nicht der Fall. Hier wird man ernst genommen. Zumindest hat man dieses Gefühl. Man gehört zur großen Familie der Wissenden, steht über den anderen Menschen, den Unwissenden. Für mich war es auf jeden Fall eine interessante Woche, die mir viel zu denken gab. Ich lernte, warum Trump soviel Zulauf hat. Ich kann nun erahnen, weshalb ein Hitler zu soviel Macht kommen konnte. Man muss allerdings rechtzeitig aussteigen, bevor man selbst zum Verschwörungstheoretiker wird. Wieder nüchtern, fragt man sich, wie soviel Unfug soviel Zuspruch haben kann.

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